Freitag, 27. September 2013

Pflaster 27.O9.2O13



Alles lag im Dunkeln. Draußen schien der Mond. Ab und zu verschwand er hinter einer kleinen Wolke. Man konnte nichts erkennen. Vielleicht ein paar Umrisse von Bäumen. Aber ansonsten konnten selbst die Lampen nichts erstrahlen. Dafür war der Wald zu dicht.
Und mitten in diesem Wald, da stand ein kleines Haus. Und auf dieses kleines Haus ging jemand zu. 
Ein Junge. Um die 10 Jahre alt. Seine Kleidung war dreckig, weil er durch den Schlamm gerannt war. Beide Hände hielten zwei weiße Tüten, die er hoch genug hielt, damit sie nicht verdreckten. 
Seine Schritte waren kurz, aber schnell. Sein Atem ging regelmäßig, aber schnell. Seine strahlend blauen Augen reflektierten den Mond und fixierten das Haus. Das Ziel des Jungen. Er hatte sich einen Auftrag gesetzt.
Egal wie schwer sein Weg sein würde. Egal wodurch er alles gehen musste, um an sein Zielt zu kommen. Er würde es schaffen und alles dafür tun.
Er drohte ein paar Mal auf den rutschigen Blättern der Herbstbäume auszurutschen, aber er fing sich. Seine Augen wirkten so viel älter als er. Sie sahen ernst aus. Zielstrebig und zeigten niemanden, dass er wirklich ein Kind war. 
Und als er am Haus ankam, richtete er sich auf. Drückte den Rücken durch, während er die Tür aufschloss. 
Ein fahles Licht fiel ihm entgegen, hüllte sein Gesicht in einen rötlichen Ton und bedeckte seine blauen Augen mit einem kleinen Schatten. Ohne zu zögern, trat er ins Haus.
Die kleine Wohnfläche wirkte beengend, chaotisch und verwüstet. 
Stühle lagen durcheinander, Fotoalben lagerten sich überall ab, manche verbrannte das Feuer im Kamin noch, Porzellanscherben zierten den Boden. Der Junge umging diese kleinen Dinge, weil sein Ziel sich auf der Matratze befand, die in der Ecke lag.
Seine Mutter hob nicht den Blick, als er sich neben sie setzte. 
Ihr wirres Haar bedeckte ihr Gesicht, faltige Hände klammerten sich an die Bettdecke, schweißgebadete Kleidung klebte an ihrem mageren Körper. Ein Wimmern ging von ihr aus, während sie den Blick auf den Boden richtete.
Der Junge schaute sie ein paar Sekunden lang an. wie sie zitterte,betete und nach Luft schnappte, dann packte er alles aus den Plastiktüten.
Die Mutter starrte weiter, wimmerte weiter, zitterte weiter.
Auf einmal fand sich ein blaues Pflaster auf ihrer Hand wieder. Ein rotes an ihrem Arm. Ein gelbes an ihrem Fuß. Ein grünes am Bein. Ein pinkes an der Wange. Ein braunes auf ihrem Fuß. Ein weißes am Knie, das sie angezogen hielt.
Die warmen Hände ihres Sohnes fuhren über ihren ganzen Körper. Hinterließen Pflaster, wie Sonnenstrahlen das Licht.  Ihr Sohn beklebte sie mit vielen Pflastern. Verschiedene Formen, Farben und Muster machten jedes Pflaster einzigartig. Und der Junge nahm seine Arbeit ernst.
Er kontrollierte ob jedes Pflaster auch wirklich hielt und packte immer mehr aus, wenn eine Packung zu Ende ging. 
Seine Mutter nahm es nicht wahr. Sie spürte zwar, dass sich etwas auf sie legte, aber sie wimmerte weiter, zitterte weiter, schnappte weiter nach Luft. Sie hob nicht den Blick oder sagte irgendwas. Sie hockte nur zusammen gekauert auf der alten Matratze und starrte den Boden an, frierend. 
Und als der Junge das letzte Pflaster in der Hand hielt, es war ein schneeweißes, zögerte er kurz. Er beobachtete sie. Ihre Gestalt. Wie sie atmete, sich bewegte, betete, schluchzte und nagte. Das ewige Zittern als wäre ihr kalt, hatte sie eingenommen. 
Sie krallte sich schmerzhaft in die Bettdecke und beachtete ihn nicht. Dabei wollte er doch ihren Schmerz erträglicher machen.
Der Junge schloss kurz die Augen. Dann lehnte er sich nach vorne und streckte seine Hand zu ihrer Brust aus. Sein Zeigefinger berührte sie.
Er spürte die Kälte, die von ihr aus ging. Doch er ließ sich davon nicht beirren. Er wartete und wartete, spürte ihren leblosen Herzschlag, wie er raste und stoppte, durchdrehte und verlangsamte, bei jedem Schluchzer. Irgendwann, da hörte es auf. Dieses ewige Hin und Her. 
Sie zitterte und schluchzte, aber ihr Herz schien ruhiger zu sein.
Ohne irgendein Zögern drückte er ihr das weiße Pflaster auf die Brust. Genau auf den Fleck wo ihr Herz lag, wo ihr gerade ruhiges Herz lag.
Langsam zog er seine Hand zurück und schaute seine Mutter an. Sie zitterte noch. Aber das Wimmern hatte ein Ende gefunden. Sie starrte ihn an. 
Salzige Tränen flossen, blaue Augen eines jungen Kindes starrten den Jungen an. Ungläubig, traurig und dankbar.
Ihre kauernde Haltung ließ nach, je länger Stille herrschte. Sie saß dort und sagte nichts, das Feuer knisterte in der Stille, ihr Sohn stand vor ihr, schweigend. Das Feuer erlosch und Wärme verbreitete sich.
Sie gab ihrem Kind ein trauriges Lächeln und zog ihn in eine Umarmung.
Das Pflaster schmiegte sich an die Wange des Jungen.
Er und seine Mutter schlossen die Augen und lauschten dem sanften Herzschlag.
Frieden, Erleichterung, Einsamkeit, Angst, Hoffnung und Dankbarkeit - ein Herzschlag, ein Pflaster.

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